Seelsorge Bahnhofsmission
Seelsorge am Münchner Hauptbahnhof

Der Münchner Hauptbahnhof ist ein Ort der Bewegung. Rollkoffer rattern über den Boden, Lautsprecherdurchsagen hallen durch die Halle, Menschen hasten mit Blick auf die Anzeigetafeln zu ihren Gleisen. Wer den Zug verpasst, kommt zu spät. Hier scheint jede Sekunde zu zählen. Fast jede.
Mitten in der Hektik bewegt sich ein Mann in gemächlichem Tempo durch den Bahnhof. Er trägt einen auffälligen Hut und eine lilafarbene Warnweste. Vor allem aber fällt seine Haltung auf. Er wirkt aufmerksam, offen und gleichzeitig gelassen. Während alle anderen irgendwohin unterwegs sind, scheint er vor allem eines zu haben: Zeit.
Gleis 11
Jeden Morgen beginnt Herr Strasser-Langenfeld seinen Arbeitstag an Gleis 11 – dort, wo die Bahnhofsmission München ihren Platz hat. Menschen finden hier rund um die Uhr Hilfe, ohne Termin und ohne Bürokratie. Herr Strasser-Langenfeld legt seine Tasche ab, zieht seine Weste an und setzt sich zunächst an den großen Tisch im Aufenthaltsraum. Es wird über Fußball diskutiert, über Politik oder das Wetter. Viele der Gäste kennt er seit Jahren.
Langsam geht er Richtung Ausgang. Sein Blick schweift durch den Raum. Er sucht den Blickkontakt zu den Menschen, die auf eine Essensausgabe warten, orientierungslos wirken oder einfach jemanden brauchen, der sie wahrnimmt. "Bei mir beginnt jede Begegnung mit Blickkontakt", sagt er. "Dann merke ich oft schon ein Gefühl."
Herr Strasser-Langenfeld ist einer von zwei Seelsorgern am Münchner Hauptbahnhof. Während sein Kollege vor allem Reisende begleitet, ist er für Menschen in belastenden Lebenssituationen da. Sein Arbeitsplatz lässt sich nicht durch Wände oder Türen begrenzen. Er beginnt an der Bahnhofsmission – und endet dort, wo ein Mensch seine Hilfe braucht.
Einfach da sein
Tag für Tag geht der Seelsorger seine Runden durch den Bahnhof und das umliegende Viertel. Er beobachtet. Zwischen Pendler*innen, Tourist*innen und Geschäftsreisenden entdeckt er immer wieder Menschen, die nicht nach einem Zug suchen, sondern nach Halt.
"Das Wichtigste an meiner Arbeit ist, präsent zu sein", sagt er. "Einfach da zu sein. Es muss nicht immer sofort etwas passieren. Manchmal gibt es lange Phasen, in denen nichts geschieht. Und dann kommt diese eine Begegnung, in der ich gebraucht werde."
Herr Strasser-Langenfeld hat gelernt, diese Leerläufe auszuhalten. Sie gehören zu seiner Arbeit genauso wie die intensiven Begegnungen. Er erklärt: "Wenn nichts passiert, passiert nichts. Und wenn jemand bereit ist, bin ich da. Und bis dahin reden wir weiter über Fußball. Das ist auch okay."
Oft bedeutet Hilfe nicht, Probleme zu lösen. "Manchmal heißt da sein einfach nur zuhören. Nicht wegzugehen, sondern den Schmerz gemeinsam auszuhalten", beschreibt er.
Dabei hört Herr Strasser-Langenfeld Geschichten, die viele andere nie erfahren werden. Geschichten von Einsamkeit, psychischen Krisen oder zerbrochenen Lebenswegen. Damit auch er diese Begegnungen tragen kann, braucht es Ausgleich. Er sagt: "In meinem Feierabend gehe ich gerne mit meinem Hund am See spazieren. Und mein Glaube gibt mir Kraft."
"Ich bin bereit – aber ich schaffe das nicht allein."
Doch es sind auch Begegnungen, die ihm selbst Kraft geben. Begegnungen, in denen er erlebt, wie viel es bewirken kann, einfach da zu sein. An einen jungen Mann erinnert er sich besonders. Er wirkte verzweifelt, als sie sich begegneten. Nach einem längeren Gespräch stellte der Mann eine leise Frage: "Würden Sie mich in die Psychiatrie begleiten? Ich bin bereit – aber ich schaffe das nicht allein."
Der Seelsorger begleitete ihn bis vor die Tür der Klinik. Solche Momente zeigen ihm, worauf es ankommt: "Das Entscheidende ist oft, dass sich jemand Zeit nimmt. Dass jemand da ist und ich mich anvertrauen kann." Viele Menschen würden seine Gesprächspartner*innen vorschnell beurteilen, sagt er. "Viele der Menschen, denen ich begegne, sind hochsensibel und sehr intelligent. Sie sind nicht asozial. Sie überlegen ganz genau: Wem kann ich vertrauen? Wer hält meine Geschichte aus?"
„Ich glaube, dass Begegnungen einen Sinn haben.“
Manchmal steht Herr Strasser-Langenfeld mit einem Espresso in der Hand an seinem Stammcafé im Bahnhof. Er beobachtet das Geschehen, spricht mit den Mitarbeitenden und hält Ausschau. An einem dieser Tage fällt ihm eine junge Frau auf. Sie trägt viele Taschen und einen Umhang, wirkt ungepflegt und erschöpft. Doch etwas bleibt ihm besonders im Gedächtnis: ihr Blick. Für einen kurzen Moment treffen sich ihre Augen. Klar, aufmerksam und wach. Dann verschwindet sie wieder in der Menge.
Ein paar Wochen später entdeckt der Seelsorger dieselben Augen erneut. Diesmal steht die junge Frau mit einem Einkaufswagen vor der Bahnhofsmission. Darin befindet sich ihr gesamter Besitz. Sie möchte die Bahnhofsmission betreten, weiß aber nicht, wohin mit ihrem Wagen. Herr Strasser-Langenfeld macht ihr ein Angebot: "Ich passe auf Ihre Sachen auf. Ich bleibe hier. Wenn Sie zurückkommen, ist alles noch da."
Die Frau zögert einen Moment. Dann nickt sie, bedankt sich und geht hinein. Als sie später wieder herauskommt, steht der Einkaufswagen noch immer an seinem Platz. Sie bedankt sich erneut und verschwindet zwischen den Reisenden. Für den Seelsorger ist diese Begegnung bis heute etwas Besonderes: "Dass sie mir als fremdem Menschen ihr gesamtes Hab und Gut anvertraut hat, hat mich tief berührt. Sie hat mir vertraut."
Er glaubt nicht an Zufälle. "Ich glaube, dass Begegnungen einen Sinn haben. Gott schenkt sie uns. Unsere Aufgabe ist es, bereit zu sein", beschreibt er. Bereit zu sein – genau darum geht es an einem Ort, an dem fast alle nur eines wollen: möglichst schnell weiter. Herr Strasser-Langenfeld dagegen bleibt stehen.
Zur Bahnhofsmission München:
Bei der Bahnhofsmission München engagieren sich rund 160 ehrenamtliche und 25 hauptamtliche Mitarbeitende. Die Einrichtung an Gleis 11 des Münchner Hauptbahnhofs ist an allen Tagen des Jahres rund um die Uhr geöffnet. Sie bietet schnelle und unbürokratische Soforthilfe, die von der Ausgabe von warmen Getränken und Broten bis hin zur Beratung und der Vermittlung in andere Fachdienste reicht. Für Frauen in Not bietet die Bahnhofsmission niederschwellige Übernachtungsmöglichkeiten. Träger der Bahnhofsmission München sind IN VIA München e. V. – Katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit und die Diakonie München und Oberbayern gGmbH. Seit 2024 gibt es am Münchner Hauptbahnhof ein seelsorgliches Angebot des Erzbistum München.
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